Eine Muschel für Le Corbussier

Wachenfeld kennt man. Wo die Tief- und Straßenbauer gerade am Werk sind, erkennt man schnell am weißen „W“ auf verkehrsgrünem Grund und den beeindruckenden, meist grünen Baumaschinen, die dort am Werk sind. Was man nicht auf dem ersten Blick wahrnimmt, ist das, was WACHENFELD am stärksten auszeichnet: Die Menschen, deren Einsatzfreude und deren Fachkompetenz.

Die Menschen, die hier arbeiten machen Wachenfeld zu einem besonderen Unternehmen. Das war schon immer so und liegt quasi in den Genen des ebenso traditionsreichen wie innovativen Bauunternehmens. Davon schwärmt Ernst Haase heute noch, obwohl er seit kurz nach der Jahrtausendwende den wohlverdienten Ruhestand genießt.

Unmögliches machen Menschen möglich

Bevor Ernst Haase 1987 zu Wachenfeld kam, hatte er schon einiges erlebt. Der gelernte Maschinenschlosser und Maurermeister war selbstständiger Bauunternehmer und später für die Holzmann AG sogar im Irak tätig gewesen, wo er am Bau eines 120 Kilometer langen Kanals mitwirkte.

„Die fünfzehn Jahre bei Wachenfeld gehören zu den schönsten meines Lebens“, erinnert sich Haase heute. Das sagt er nicht nur so. Auch bei Wachenfeld hat er einiges erlebt und so wie er von seinem Arbeitgeber schwärmt, erinnert man sich auch bei Wachenfeld gerne an den Kollegen, der für manche Überraschung gut war und tatsächlich Unmögliches möglich machen konnte.

Eine Muschel für Le Corbusier

Unmöglich schien es zum Beispiel, die Idee einer Gruppe Architekturstudenten aus Südhessen umzusetzen. Die Studentinnen und Studenten wollten den hundertsten Geburtstag ihres großen Idols Le Corbusier mit einem ganz besonderen Bauwerk würdigen. Dafür hatten sie sich eine, für den weltberühmten Vorreiter des Betonbaus typische, geschwungene Skulptur erdacht. Die „Muschel“ sollte auf der „Public-Design“ Messe in Frankfurt ein breites Publikum begeistern. Jedoch erwies sich die Realisierung als überaus problematisch.

Einige Bauunternehmen hatten die angehenden Studenten bereits angesprochen und Absagen kassiert. Bei Wachenfeld in Korbach fanden sie offene Ohren. Das innovative Korbacher Bauunternehmen hatte sich bereits mit dem patentierten Duroplast-Programm einen Namen in Sachen Beton gemacht. Vermutlich wäre auch für WACHENFELD die Umsetzung des vorgelegten Modells unmöglich gewesen. Aber es gab ja Ernst Haase. Der war nicht nur baufachlich mit allen Wasser gewaschen. Ernst Haase konnte als begeisterter Hochseesegler auch mit maritimem Spezialwissen aufwarten und teilte zudem die Leidenschaft Le Corbusiers für Formbeton.

Schiffsbau stand Pate

Ernst Haase verfügte über einschlägige Erfahrungen im Bau von Schiffen aus Ferrobeton. Schiffsrümpfe, vor allem die von leistungsfähigen Hochseeyachten, sind quasi von Natur aus gerundet. Ernst Haase hatte solche genialen Beton-Yachten bereits selbst gebaut. Ferro-Zementbeton war für ihn daher der Schlüssel zur erfolgreichen Umsetzung der Muschel zu Ehren Le Corbusiers. Haase konstruierte auf Basis des Modells zunächst ein Gerüst aus sogenanntem Hasendraht, mit dem er die Muschel vorlagengetreu in Form brachte und der als Träger für die mehrschichtigen Betonmatten diente.

Der Statik wegen musste das Ganze auf dem Kopf stehend gebaut werden. Es funktionierte hervorragend und schon die Studenten waren von dem Ergebnis hellauf begeistert. Ein Problem war jedoch der Transport. Im Original besaß die Skulptur einen Durchmesser von vier Metern. Die Muschel musste daher in zwei Teile zerlegt nach Frankfurt geschafft und auf der Messe endmontiert werden.

Absturz beim Aufbau

Um das architektonische Kunstwerk für die Messebesucher erlebbarer zu machen, hatte Ernst Haase die Muschel begehbar konstruiert. Die Messeveranstalter forderten allerdings einen Belastungstest, bevor sie ihre Einwilligung gaben. Dazu musste die Skulptur erst einmal errichtet werden und dafür war ein mächtiger Kran erforderlich. Dann die Katastrophe: Während die so aufwändig gefertigte Skulptur per Kran an den vorgesehenen Standort transportiert wurde, fiel die Muschel glatt vom Haken. Dong!

Ernst Haase ist der Schock noch in lebhafter Erinnerung: „Das klang wie eine Glocke, als das hohle Ding auf den Boden schlug.“ Vor den Augen der Messeverantwortlichen! Die staunten, nachdem sie sich etwas gesammelt hatten, ebenso wie Ernst Haase. Die Konstruktion hatte den Absturz ohne jeden Kratzer überlebt. „Belastungstest bestanden“, stellte der Verantwortliche trocken fest.

Ein fünftausend Jahre altes Dankeschön

Wenn man in Ruhestand geht, bekommt man ein Geschenk. So ist das landauf, landab Brauch. Anlässlich seines Eintritts in den Ruhestand bedankte sich Ernst Haase im Gegenzug bei seinem Arbeitgeber für die Zeit bei WACHENFELD. Und mit was für einem! Wer schon einmal am Firmensitz in der Frankenberger Landstraße zu Gast war, dem ist sicher die beeindruckende Steinsammlung aufgefallen, die wie ein Querschnitt durch die Erdgeschichte scheint. Wer genau hinschaut, erkennt unter den Mineralien auch ein ganz besonderes Artefakt, mit eingestempelten Hieroglyphen. Dieses Bruchstück, aus der Zeit um 3000 vor Christi, hatte Ernst Haase auf der Ausgrabungsstätte Eridu im Irak erstanden und der Sammlung seines Chefs, als Dankeschön für die Zusammenarbeit, überlassen.

Hintergrund

Beton im Schiffsbau

Hierzulande eher unüblich werden in Kanada, Neuseeland und Australien auch heute noch Rümpfe von Hochsee-Yachten aus Ferrobeton gefertigt. Der drahtverstärkte Zementbeton ist anderen Materialien gegenüber klar im Vorteil. Der gefürchtete Holzwurm beißt schon mal auf Granit. Kunststoffe hingegen sind nicht so stabil und neigen zudem im Salzwasser zur Osmose und bilden eine krümelige, Zuckerkristallen ähnliche, Oberfläche. Das beeinträchtigt die Gleitfähigkeit und macht konventionelle Kunststoffe mit der Zeit unansehnlich.

Unterhalb der Wasserlinie sind Betonrümpfe etwa 25 Millimeter stark, darüber 20 Millimeter. Dank seiner Formbarkeit ist Ferrobeton daher für manche Seebären ein geradezu genialer Werkstoff, um die sieben Weltmeere sicher zu befahren. Wie stabil Schiffsrümpfe aus Ferrobeton sind, zeigte sich, als ein so gefertigtes Schiff an der Südküste Englands im Ärmelkanal auf Grund lief: Bis auf abgeblätterte Farbe war kein Schaden festzustellen.

Hintergrund

Le Corbussier

Le Corbusier, mit bürgerlichen Namen Charles Eduard Jeanneret-Gris, gilt heute als einer der bekanntesten Architekten und war auch schon in seiner Zeit dem 20. Jahrhundert ein Wegbegleiter der modernen Architektur.

Sein Tätigkeitsfeld war der Städtebau vom Einzelhaus über öffentliche Gebäude bis hin zu Sakralbauten. Was ihn dabei besonders auszeichnete, waren seine Ansichten und Visionen. So entwickelte er auch das „Domino“, das sogenannte Eisenbeton-Skelett. Das Ergebnis war ein neues System, welches tragende Wände entbehrlich machte und somit eine bis dahin nicht gekannte freie Grundrissgestaltung ermöglichte. Geschwungene Formen wurden zu einem Markenzeichen seiner Arbeit. Sein innovativer Umgang mit Zementbeton machte ihn für viele zum Wegbereiter des heute als Brutalismus bekannten Architekturstils.

Le Corbusier wurde am 6. Oktober 1887 in der Schweiz geboren und starb am 27. August 1965 in Frankreich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.